Zu wenig Mathe in der Schule?

Mathe ist ein Hauptfach in der Schule und hat damit sehr viele Unterrichtsstunden, vergleichbar mit den anderen Hauptfächern Deutsch und den beiden Fremdsprachen (auf dem Gymnasium). Dann ist die These, dass es zu wenig Mathematik-Unterricht in der Schule gibt, doch schon sehr gewagt, oder nicht?

In diesem Artikel möchte ich einige Argumente aufführen, weshalb ich glaube, dass die Mathematik in der Schule (in Deutschland) zu kurz kommt.

Mathe ist ein Sammelfach

Obwohl es erst einmal danach aussieht, als sei der Mathe-Unterricht eben genau das, nämlich Mathematik, so fällt bei genauerem Hinsehen auf, dass der Mathematik-Unterricht mindestens drei, eher sogar vier Richtungen bedienen muss:

  1. Praktisches Rechnen bzw. „Alltagsmathematik“: Das ist der Teil, der tatsächlich im Alltag nützlich ist. Dazu gehört das klassische Rechnen, aber auch Überschlagen und Prozentrechnung.
  2. Ingenieursmathematik: Dies ist die Mathematik, die man braucht, um technische und physikalische Dinge untersuchen und berechnen zu können. Darunter würde ich einen Teil der Geometrie, Volumen, Flächen sowie Funktionen, Differential- und Integralrechnung und lineare Algebra fassen. Dies wird auch oft als „Höhere Mathematik“ bezeichnet.
  3. Die eigentliche Mathematik: Jede:r Mathematiker:in weiß, dass das, was in der Schule als „Mathematik“ gelehrt wird, in vielen Fällen nur sehr wenig mit Mathematik zu tun hat. Bei den obigen ersten beiden Punkten geht es um das konkrete Lösen eines (Rechen-)Problems. Dies kann selbstverständlich sehr anspruchsvoll sein, es ist aber eine bloße Anwendung der Mathematik. Die „echte“ Mathematik befasst sich mit dem Verstehen von Strukturen und Gesetzmäßigkeiten, sie fragt immer nach dem „Warum“ und verlangt nach hieb- und stichfesten Beweisen für ihre Aussagen.
  4. Numerische Mathematik bzw. Algorithmik: Da wir leider immer noch sehr weit davon entfernt sind, dass Informatik zu einem Regelfach an deutschen Schulen wird, muss Mathematik eigentlich auch diese Richtung bedienen. Im (hessischen) Curriculum stehen Tabellenkalkulation und Dynamische Geometrie-Systeme (DGS), diese werden aber nur in den seltensten Fällen (nach meiner Erfahrung) im Unterricht systematisch behandelt.

Wie man sieht, ist das Schulfach Mathematik keineswegs „aus einem Guss“, sondern muss Begehrlichkeiten verschiedenster Disziplinen bedienen.

Mathe steht alleine da

In der kurzen Einleitung stand es bereits: Mathe ist ein Hauptfach, neben Deutsch, Englisch und einer weiteren Fremdsprache. Ich bin kein Sprachenlehrer, aber ich stelle mir vor, dass Schüler:innen davon profitieren, dass sie ähnliche Konzepte in verschiedenen Sprachen erlernen – so wie auch interessante Unterschiede. Irreguläre Verben gibt es in allen Sprachen, genauso wie verschiedene Konjugationen und Deklinationen. Ich denke, dass eine Auseinandersetzung damit, warum es im Lateinischen einen zusätzlichen Casus gibt (den Ablativ), uns viel über unsere eigene Muttersprache lehrt.

Auf der mathematischen Seite gibt es keine weiteren Hauptfächer. Physik steht der Mathematik sicherlich am nächsten, ist aber mit seinen 2 Stunden in der Mittelstufe eher unterrepräsentiert. Biologie und Chemie verwenden in der Schule (nach meiner Erfahrung) relativ wenige mathematische Methoden, jedenfalls nur vereinzelt. Informatik dagegen ist – wie oben erwähnt – gar kein Regelfach an Schulen.

Fazit

Ich denke, dass durch meine Ausführungen plausibel geworden ist, dass unser Schulsystem ein zweites „mathematisches“ (Haupt-)Fach gebrauchen könnte. Ich denke, dass sich hier in natürlicher Weise die Informatik anbieten würde, denn obwohl sich Mathematik und Informatik prinzipiell sehr ähnlich sind (letztere ist schließlich aus ersterer hervorgegangen) so unterscheiden sie sich deutlich in ihren Methoden und würden sich so hervorragend ergänzen.

Ich möchte letzteres an einem Beispiel klarmachen: Einer meiner Schüler, den ich sowohl in Mathematik als auch im Wahlfach Informatik unterrichte, benötigte für die Steuerung seines Rennspiels die trigonometrischen Funktionen Sinus und Kosinus. Er hat sich die benötigten Formeln selbst zusammengesucht und in sein Programm eingebaut. Natürlich hat er diese Formeln (wahrscheinlich) nicht komplett verstanden, aber hier kann der Mathematik-Unterricht dann ansetzen. Dieser Schüler stellt jedenfalls nicht die typische Frage „Wozu braucht man das denn?“

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